Stiftungspropaganda in Reinkultur: Ein Text über Jakob Fugger, Oligarch des 16. Jahrhunderts

Mal wieder ein Bericht über die Fuggerei in Augsburg. So heißt die Wohnanlage, die vor 500 Jahren erbaut wurde, um 300 armen Menschen ein günstiges Zuhause zu verschaffen. Noch heute ist sie in Betrieb. „Älteste bestehende Sozialsiedlung der Welt“, wird sie gerne genannt. Ein angebliches Paradebeispiel dafür, wie nachhaltig und segensreich Stifter wirken können. Ich halte den Text mit der Überschrift „Der Fuggerei-Code“ für politische Propaganda! Verfasst wurde er von Astrid Gabler, bei den Fuggerschen Stiftungen in Augsburg ist sie zuständig für Kommunikation. Abgedruckt wurde das Elaborat im Magazin „Stiftungswelt“, herausgegeben vom  Bundesverband Deutscher Stiftungen, Ausgabe Sommer 2021. Doch der Reihe nach.

„…den Menschen auf Augenhöhe begegnet“

Gestiftet wurde die Fuggerei im Jahr 1521 von Jakob Fugger, genannt „Der Reiche“, damals einer der mächtigsten Männer Europas. Er war ein wichtiger Finanzier des deutschen Kaisers und des Papstes, besaß Silber-, Kupfer- und Bleiminen und unterhielt Handelsbeziehungen bis nach Lissabon, Venedig, Antwerpen und Krakau. Heute würden wir sagen: Ein Multimilliardär, ein Oligarch, Boss eines international operierenden Konzerns. Doch welche Begriffe verwendet Frau Gabler? Sie schreibt vom „Augsburger Kaufmann und Bankier“, er sei „den Menschen auf Augenhöhe begegnet“, mit der Fuggerei habe er „gezielt Hilfe zur Selbsthilfe“ geleistet und „das damalige Sozialsystem auf einen Schlag deutlich entlastet“. Anstatt einer Miete hatten die Bewohnerinnen und Bewohner drei Gebete am Tag zu sprechen und jährlich den Wochenlohn eines Handwerkers zu zahlen. Heute beträgt die Miete 88 Cent pro Jahr, hinzu kommen die Nebenkosten für Strom und Heizung. Täglich drei Gebete für das Seelenheil der Stifterfamilie zu leisten, steht bis heute im Mietvertrag. Wir lesen: Bis heute gewähre die Fuggerei also keine „Almosen“, sondern verlange eine Gegenleistung. Die Menschen hätten damit die Möglichkeit, „ihrem Stifter Danke sagen zu können“. Dies habe „etwas mit Würde und Augenhöhe zu tun“. Oh, je.

Internationaler Finanz- und Metallkonzern unterstützte die Fürsten im Bauernkrieg

Was Frau Gabler nicht erwähnt: Jakob Fugger kontrollierte damals die größte Silbermine der Welt. Sein Unternehmen besaß ferner eine „dominante Stellung auf dem europäischen Kupfermarkt“, berichtet Mark Häberlein, Professor für Neuere Geschichte an der Uni Bamberg, in seinem Buch „Die Fugger“. Er finanzierte nicht nur Kriege, sondern lieferte auch das Metall für die Produktion von Kanonen und Rüstungen. Mehr noch: Jakob Fugger und seine Familie stehen auf der Seiten der Fürsten, die im Deutschen Bauernkrieg von 1525 – vier Jahre nach Gründung der ach so segensreichen Fuggerei – die Revolte der hungrigen und verzweifelten Landbewohner blutig niederschlagen.

Größeres relatives Vermögen als Bill Gates

Auf der Webseite fugger.de, verantwortet von der „Fürstlich und Gräflich Fuggerschen Stiftungsadministration“, wird der Versuch unternommen, den gewaltigen Reichtums Jakob Fuggers nach heutigen Maßstäben zu beziffern. Mal sind es umgerechnet sechs Milliarden Euro, mal 18 Milliarden Euro. Die Webseite zitiert zudem eine Schätzung, der zufolge Jakob Fuggers Vermögen etwa 10 Prozent der Wirtschaftsleistung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation entsprochen hat. Im Vergleich dazu kann Bill Gates einpacken. Dessen Vermögen entspricht laut fugger.de gerade mal 0,6 Prozent der US-Wirtschaftsleistung. So gesehen schrumpft die angebliche Großtat der Stiftung der Fuggerei doch arg zusammen. Es war, so scheint es, vor allem eine PR-Aktion, zugunsten eines damals schon hochumstrittenen, unendlich reichen Mannes. Eine PR-Aktion, die bis auf den heutigen Tag nachwirkt. Dafür ziehen wir den Hut. Chapeau! (Foto: Fuggerei, Aufnahme von Birgit Böllinger auf Pixabay)